Sinfonisches Blasorchester Ried: Sternstunde seelenvollen Musizierens

von Othmar Karl Matthias Zaubek

Motivation und Identifikation vermögen ungeahnte Leistungen zu erbringen. Das Sinfonische Blasorchester Ried, hervorgegangen aus dem SBO, dem Schülerblasorchester der dortigen Musikschule und seit seiner Gründung das Werk von Karl Geroldinger, ist eine eingeschworene Gemeinschaft, eine echte Musikerfamilie, in welcher der Professor des Bruckner Konservatoriums gemeinsam mit ausgezeichneten Musiklehrern auf allen Instrumenten und natürlich auch begabten Musikschülern musiziert. Hier wird wirklich die Harmonie der Herzen zu einem wesentlichen Fundament der Harmonie der Töne, des einmaligen und wunderbaren Musizierens, das diesem Orchester einen Spitzenplatz im österreichischen, ja im mitteleuropäischen Blasmusikleben sichert. Der Verfasser dieser Kritik hat in wesentlichen Schritten seit gut einem Jahrzehnt den Aufstieg dieses Orchesters miterleben können und von allem Anfang an Karl Geroldinger und seine großartigen Musikerinnen und Musiker bewundert. Aus dieser Kenntnis des Orchesters heraus kann auch freudig bekannt werden, daß es sich für Innsbruck großartig vorbereitet hatte und vor allem ein Programm musizierte, das höchstes Niveau mit Publikumswirksamkeit zu verbinden wußte.

 Bei der Ouverture zur Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ von Richard Wager zeigten sich schon deutlich der Musizierstil Karl Geroldingers und seines Orchesters. Da geht es um höchste technische Präzision, um feinst ausgewogenes Zusammenspiel, um edelste Klangkultur. Und über all dem vergessen Dirigent und Musiker nicht die ganzheitliche Gestalt eines musikalischen Kunstwerkes. Das heißt, der schöpferische Atem eines Meisters und Werkes werden nachempfunden und durchgehalten. Musik wird immer zum Erlebnis, die Spieltechnik immer dem Gestalten untergeordnet. Schön zu spielen ist dem Orchester wichtig und doch zu wenig zugleich. Musik muß packen und ergreifen, da muß der Klangdom Wagners aufgebaut werden und in spannender Weise die innere Dramatik seiner Klangsprache verwirklicht werden.

 Im Anschluß nahmen Geroldinger und das Sinfonische Blasorchester Ried praktisch schon das Ergebnis des Mozart - Symposions vorweg: Mozart eignet sich sehr wohl für Bläser, muß aber mit feinstem Stilverständnis interpretiert werden. Und das ist den Riedern wohl unüberbietbar gelungen. Bei dem etwa fünfzehn Musikerinnen und Musiker zählende Bläserensemble wurden Transparenz, Klangreinheit, Tonschönheit und seelenvolle Interpretation zu einem einmalig schönen Klangerlebnis vereinigt. Musiziert wurde das Hornkonzert KV 417 und in Walter Reitbauer hatte man einen phantastischen Solisten auf dem Wiener Horn, der alle technischen Schwierigkeiten meisterte und auch über den echten Mozartton verfügt. Wohl das Ergreifendste war, wie aus dem verinnerlicht und ausgewogen intonierten zweiten Satz, der so überaus einprägsam Seelentiefe und Meditation auszudrücken vermag, die pure Lebensfreude und gleichsam überirdische Leichtigkeit des dritten Satzes entspringt.

 Stilistisch und formal wohl ein großer Gegensatz, vermag die Musik des Russen Kalinnikov wohl auch das Herz zu bewegen. Denn hier finden sich nicht allein sich majestätisch entfaltende große Klangbilder, sondern schon eingangs ungemein gefühlvolle Passagen voll der Schwermut und Besinnung. Der farben– und facettenreiche Vortrag zeigte das Orchester in seiner Gesamtheit wiederum von seiner besten Seite, Musizierfreude und stilistische Einfühlung in höchster Meisterschaft.

 Es ist nicht selbstverständlich, daß ein symphonisches Blasorchester, das Meisterwerke der Konzertmusik in Bearbeitungen und originale Blasmusikliteratur der Höchstklasse meistert, auch die altösterreichische Traditionsmusik beherrscht. Und wieder liegt es an Karl Geroldinger, der diese Musikgattung voll ernst nimmt und seine jungen und jugendlichen Musiker schon vor Jahren in die ihnen damals sicher fremde Zauberwelt des Wienerischen bestens eingeführt hat. So wurde der Walzer von Johann Strauß „Wo die Zitronen blühen“ zum zauberhaft ausgemalten Tonbild, gleichsam in durchsichtigen, traumhaften und schwerelosen Aquarelltönen gehalten. Geroldinger arbeitete hier vor allem die lyrischen Facetten heraus, vergaß aber auch nicht auf Lebensfreude als Triebkraft dieser Musik, alles war lebendig voll pulsierender Kraft. Und dann kam, um es vorweg zu nehmen als besondere Glanzleistung der Vortrag von „Volksliedchen und Märchen“ von Komzák. Einfachste volkstümliche Unterhaltungsmusik, die aber zum Juwel werden kann, zur kleinen Kostbarkeit, wenn man sich um die künstlerische Gestaltung so annimmt, wie eben Geroldinger und seine Rieder.

 Dazwischen riß noch einmal ein Solokonzert das Publikum zu richtigen Beifallstürmen hin. Daniel Hufnagel, dazu noch auswendig musizierend, gestaltete auf seiner Trompete das „Konzert für Trompete und Blasorchester“ von Oskar Böhme in der hervorragenden Bearbeitung durch Bruno Sulzbacher, zum wahren Klangfeuerwerk. Er meisterte aber nicht allein die schwierigsten und raschesten Passagen mit Bravour, sondern bewies auch bei der Kantilene des Mittelsatzes stimmungsvolles Gestalten und verinnerlichte Gefühlskraft.

 Gegen Ende des Konzertes gab es eine musikalische Wiederentdeckung. Hans Eibl, der auch dem Konzert beiwohnte, hatte die „Wiener Jubelouverture“ von Franz von Suppé neu und wohl erstmals für Blasorchester bearbeitet, was ihm auch ganz großartig gelungen ist. Für eine temperamentsprühende, klangfarbige und überaus elegante Umsetzung sorgten nun in bester Weise die Rieder und Karl Geroldinger.

 Karl Geroldinger dirigiert nicht spektakulär, mit großen Gebärden. Aber es kommt alles, was er sich künstlerisch vorstellt. Er führt wohlüberlegt, aber sachlich und schlicht durch das Programm. Er ist für seine Musiker in erster Linie der Freund und Kamerad. Kurzum, er ist Musikant, dem es nicht um Selbstdarstellung geht, um Herausstellen seiner eigenen Persönlichkeit, sondern um Dienst an der Musik und an den ausführenden Musikern, letztlich auch Dienst am Publikum, das es zu begeistern gilt. Vielleicht liegt in dieser menschlichen Größe des Dirigenten auch ein ganz großes Erfolgsgeheimnis dieses so begeisternden, hochkarätigen und in seiner Art in Österreich wohl einmaligen Sinfonischen Blasorchesters Ried.

 Othmar Karl Matthias Zaubek