wie machen sie das nur, mr. sbo?

interview mit karl geroldinger (sbo ried) in der ausgabe 12/2003
wie machen sie das nur, mr. sbo?
und das geheimnis seines erfolgs
Eigentlich könnten sie sich jetzt auf ihren Lorbeeren ausruhen. Das Sinfonische Blasorchester Ried hat in diesem Jahr eine Medaille nach der anderen (siehe Kasten) abgeräumt und gilt als Weltmeister der Blasmusik. Über Motivation, Ziele und Zukunft sprach Evamarie Meier mit Dirigent Karl Geroldinger.

clarino.print: So viele Titel und Medaillen, da stellt sich die Frage von selbst: Was ist dasGeheimnis Ihres Erfolgs?
Klare Überlegung, was man möchte; harte Arbeit; und nicht auf die externe Beurteilung schielen oder sich selbst allzu wichtig nehmen. Die Musik und die Welle, die die Musik trägt, muss das Hauptaugenmerk bekommen. Nicht der Wettbewerb.
Das war jetzt die Antwort für Musiker. Geben Sie uns noch eine für Dirigenten. Welche Tugenden zeichnen gute Dirigenten aus?
Störfaktoren für eine gute Leistung kommen meist aus dem Psycho-Eck, also braucht man kommunikative Fähigkeiten. Und ein Gespür für den richtigen Zeitpunkt. Um 18 Uhr ist’s wurscht, um 20 Uhr gilt’s: wenn das Konzert beginnt. Dieses Timing, so dass das Orchester für zwei Stunden ganz gelöst ist, befreit, weil man weiß, man hat gut geprobt; andererseits ist aber jeder vom Kreislauf her so ein bisserl über dem Normalzustand, das ist wichtig. Es schadet auf Dauer, wenn es von der Probe zur Bühne keine Steigerung gibt. Wir haben Gott sei Dank jedesmal den Freiraum, zuzulegen. Auch von der Intensität des Erlebens.
Lernen kann man diese Balance wahrscheinlich nicht, oder gar lehren.
Das kann man nicht einmal analysieren, das ist wohl eine Begabung. Ich glaube, das Wesentliche ist einfach eine Liebe zu den Menschen. Ich könnte nicht dirigieren, wenn da jemand sitzen würde, zu dem ich eine gestörte atmosphärische Beziehung hätte.
Braucht der Superdirigent nicht auch ein Händchen für die richtigen Stücke?
Ich bin mir gar nicht so sicher, ob die Stücke selbst das Wichtigste sind. Sondern der dramaturgische Verlauf eines Konzerts. Ich brauche sehr, sehr viel Zeit für die Programmgestaltung. Manche Dirigenten passen nicht auf die letzten drei Stücke auf und nehmen das drittletzte in C-Dur, das vorletzte in B-Dur und das letzte womöglich in As-Dur. Oder ein ganzes Programm mit drei Stücken in D-Dur hintereinander. Das ermüdet doch das Publikum. Diese ganz einfachen Dinge, die Schlagerindustrie weiß das. Welches Werk macht auch den gewaltigsten Eindruck? Will man das Publikum betroffen machen? Es gibt Werke wie dieses »Vom Ende der Zeit« von Rolf Rudin. Das kannst du nur vor der Pause spielen. Und die Pause muss dann länger sein als üblich.
Wie reagiert Ihre Stadt auf den überwältigenden Erfolg Ihres Blasorchesters?
Wenn der Rieder Fußballclub im UEFA-Cup spielen würde, und er käme zurück nach einer Niederlage, da wäre ein totaler Zirkus in der Stadt. Oder wenn der Karl Moik kommen würde oder »Deutschland sucht den Superstar«. Wir bedienen eine Nische, aber das ist uns ja klar. Jetzt nach Valencia war es schon ein bisserl mehr, auch der Bürgermeister hat sich gleich gemeldet.
Von heute auf morgen wird man nicht Weltmeister. Gab es ein Schlüsselerlebnis, das den Ehrgeiz – Ihren oder den des Orchesters – geweckt hat?
1993 haben wir angefangen zu schauen, in der »Clarino« und in der »Bayerischen Blasmusik« und so, und haben den ersten Wettbewerb gespielt, intern in Oberösterreich, und dann gleich Kerkrade. Da haben wir gesehen, dass international eine völlig andere Welt herrscht. Wir waren in unserer Umgebung das beste Orchester – das war aber keine Kunst! Wir wussten überhaupt nicht, was in Kerkrade los ist. Der Olymp der Wettbewerbe. Wir bekamen ganz wenige Punkte, was auch richtig war. Aber der Punkt ist, wir haben dort so wunderbare Sachen gehört und – wir wollten auch so spielen wie die . . .
. . . und das haben Sie ja dann geschafft.
Ja. Zuerst gab es ein paar schöne Erfolge. Ein Konzert mit über 2000 Leuten, beim Steinbruch hier. 1997 wollten wir wieder nach Kerkrade fahren. Schauen, ob wir schon besser sind. Es folgte eine ernüchternde Feststellung: Wir wurden nicht eingeladen. Ja. – Da sagten wir uns, wir müssen uns mehr anstrengen. Das zwang uns, die Struktur des Orchesters zu überdenken. Das war die Entscheidung, weg vom regionalen Vorbereitungsorchester, das halt ein bisserl Spaß hat – und Spaß hatten wir sehr viel –, hin zu einem höheren Niveau. Und, na ja, Valencia hat uns jetzt den – wie sagt man so schön? – den ultimativen Kick gegeben.
Zur Zusammensetzung des Orchesters: Wie viele sind Sie im Moment? Frauenanteil? Altersstruktur?
Momentan sind wir 70. 30 Prozent Frauen. Der jüngste ist 13, der älteste 70.
Ihre Rivalen bei den Elite-Wettbewerben sind oft akademischer Herkunft. Wie setzt sich das SBO hauptberuflich zusammen?
Quer durch den Gemüsegarten. Nehmen wir mal die Trompeten. Zwei sind Musikschullehrer, der dritte ist bei einer biologischen Landwirtschaft, der vierte Elektriker-Lehrling. Dann haben wir einen Maurer, einen Informatikstudenten, der geht auch
in die Hochschule für Musik. Einer ist im elterlichen Kfz-Betrieb und zu Hause Kapellmeister. Und ein Musikschulleiter – auch Kapellmeister –, der sagt: »Ich möchte beim SBO spielen, da bekomme ich so viele Impulse.«
Es heißt, dass viele in Ried angefangen haben und später Jugendleiter geworden sind oder werden wollen, und studieren.
Ja. Von denjenigen, die in den Anfangsjahren dabei waren, sind es sicherlich mehr als 50 Prozent. Bestimmt fragt Sie jeder, was Sie jetzt überhaupt noch erreichen wollen.
Die letzten 20 Prozent unserer Leistungsfähigkeit sind noch nicht erreicht. Ich denke, es funktioniert, dass wir die mit langsamen Schritten ausreizen. In mehreren Bereichen, abgesehen von der Arbeitsteilung im Verein. Erstens kammermusikalische Aufmerksamkeit. Das bringt sehr, sehr viel Plastisches in das Musik-Erleben. Und dann kann auch nie das Gefühl des Entbehrlichseins entstehen. Ein zweites Ziel liegt im dynamischen Bereich. Stellen Sie sich ein Mischpult vor. Wenn das gesamte Orchester lauter wird, würde ich nur den Hauptschuber nach oben ziehen. Das fällt vielleicht nicht stark auf, aber da kann man qualitativ enorm viel verbessern. Dann: Intonation. Viertens wünsche ich mir eine gewisse Demut des Blechs dem Holz gegenüber. Und, das Wichtigste: ein echtes Pianissimo. Man spürt die Musik, aber man hört sie noch nicht.
Um es etwas konkreter zu fassen: Fahren Sie noch einmal nach Kerkrade?
2005 nach Holland? Ganz klar: Wir fahren. Das würde vielleicht ein anderes Orchester nicht tun, weil man ja nur verlieren kann. Aber für uns ist das kein Verlust. Mir ist klar, dass man dort nicht zweimal nacheinander Erster wird. Aber darauf kommt es nicht an. Wenn wir 93 Punkte schaffen, wäre es super.

Wie man hört, gibt es auch Herausforderungen für kleine Besetzungen Ihres Orchesters.

Ja. Originalwerke von »klassischen« Komponisten. Hochinteressante Dinge! Arnold Schönberg, das Opus 43a. Anton Bruckner, originale Bläsermusik. Es gibt »SBO-Ried-Sinfonietta«. Mindestens einmal im Jahr machen wir eine Kammermusikproduktion. Jetzt haben wir eine vor, mit »Aubade« von Francis Poulenc für Tänzerin, Soloklavier, fünf Streicher, zwölf Bläser und Schlagwerk, oder von Darius Milhaud »Les Créations du Monde«, für 25 Leute. Das ist nicht wirklich Orchestermusik, aber auch keine klassische Kammermusik. Heuer hatten wir »Die Geschichte vom Soldaten« von Strawinsky. Da ist meist auch eine Uraufführung dabei. Dafür geben wir einem Komponisten einen Auftrag. Wir planen nächstes Jahr in Schladming auch so ein Projekt. Das ist faszinierend, weil man so ein bisserl aus dem rein Bläserischen hinauskommt. Ich meine, es ist doch etwas anderes, wenn man ohne Grenzen die Geige und das Saxofon nebeneinander hat.

(Clarino 12/03)